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Autor: Ursula Rumpler

Prof. Dr. Johann Friedrich Karl Stahlschmidt 1831-1902

Chemiker, Gewerbeakademie Berlin, RWTH Aachen

bild chemiker
Johann Friedrich Karl Stahlschmidt 1888

Vorbemerkungen:

Eine biographische Beschreibung J. F. Karl Stahlschmidts wurde von mir
2005 in u.a. Publikation1 veröffentlicht. 2007 wurde dieser Beitrag neu überarbeitet, korrigiert, ergänzt und auf den neuesten Stand gebracht; er kann hier nur in gekürzter Form vorgestellt werden. Ich danke insbesondere Prof. Dr. Peter Laur, RWTH Aachen, für den informativen Austausch und wichtige Hinweise. Bei Verwendung dieses Inhalts geben Sie bitte Verfasserin, Titel und Webseite an.

Johann Friedrich Karl Stahlschmidt kam als drittältester Sohn (von sieben Kindern) des Kaufmanns Arnold Stahlschmidt und seiner Frau Charlotte (geb. Hanebeck) am 4. Dezember 1831 in Plettenberg zur Welt und wurde am 14. des gleichen Monats im Haus der Eltern getauft.
Nach Beendigung der Schulzeit immatrikulierte er am 14.11.1851 an der Universität Gießen für das Studienfach Chemie.  In den Personenbestandverzeichnissen der Universität wird er als Studierender für die Wintersemester 1851/52 bis einschließlich Wintersemester 1853/54 angeführt. Von 1854-1857 war Stahlschmidt als Assistent des Chemikers Karl Friedrich Rammelsberg (1913-1899) an der Berliner techn. Hochschule tätig. Als Externer promovierte er am 9.4.1858 an der Giessener Philosophischen Fakultät, zu deren Fächerspektrum auch die Chemie gehörte, über das Thema "Strychnin und Brucin", abgedruckt in Poggendorffs Annalen der Physik (108,1859).
Sein Doktorvater und Mentor war, Heinrich Will (Nachfolger von Justus Liebig), der ihn
, nach Auskunft v.  Prof. P. Laur, RWTH Aachen, schon als Student sehr gefördert hatte. So ist nicht nur seine Dissertation, sondern auch seine erste Forschungsarbeit über ein Alkaloidthema in Wills Labor entstanden. Zum Zeitpunkt seiner Promotion war Stahlschmidt schon als Lehrer an der ›Königlichen Provinzialgewerbeschule‹ in Schweidnitz als Lehrer für Naturwissenschaften tätig.
1860 erhielt er einen Ruf als Lehrer für techn. Chemie an die Königliche Gewerbeakademie in Berlin und trat am 1. Oktober 1860 offiziell seinen Dienst ›als zweiter Vorsteher des Laboratoriums für anorganische Chemie (unter Prof. Rammelsberg), später chemische Technologie und Entwerfen chemischer Anlagen‹ an.
1861 publizierte er sein Ergebnis über den "Caffeingehaltes"(Zit.) im Matetee (ilex paraguariensis) unter dem Titel "Über Paraguaythee" (Ann. Phys. Chem. 22 (1861) [4] bzw. 112).  

Einer von Stahlschmidts Kollegen an der
Gewerbeakademie war der spätere Nobelpreisträger für Chemie (1905), J. F. Adolf v. Baeyer (1835-1917), mit dem Stahlschmidt auch nach seinem Wechsel nach Aachen in Kontakt blieb.

1870 folgte Karl Stahlschmidt einem Ruf an die ›Königliche Rheinisch-Westphälische Polytechnische Schule‹ nach Aachen, die im selben Jahr gegründet worden war.  Offiziell schied er aus der Universität von Berlin am 1. 4. 1870 aus, war aber schon seit dem 13. Jänner 1870 ›etatsmäßiger‹ Lehrer in Aachen.
1871 bis 1872 war Stahlschmidt ordentlicher Lehrer für ›Technische Chemie und Hüttenanlagen‹ und Leiter des ›Laboratoriums für technische Chemie‹, der ›Sammlung für chemische Technologie‹ und der ›Sammlung für Hüttenkunde‹.
Am 31. 12. 1872 wurde er etatsmäßiger Professor der Technischen Hochschule zu Aachen, wo er fast 33 Jahre tätig sein sollte.
Danach – bis 1902 – arbeitete er als ordentlicher Lehrer für ›Technische Chemie‹, Leiter des ›Laboratoriums für technische Chemie‹ und der ›Sammlung für chemische Technologie
.
Karl Stahlschmidt galt als bescheidener, zurückhaltender und warmherziger Mensch. Er erfreute sich auf Grund seiner fachlichen Kompetenz und seines angenehmen Wesens bei Kollegen und Studenten großer Beliebtheit.
Oben abgebildetes Foto hat er 1888 einem Brief an den Pharmazeuten und Chemiker Georg Krause beigelegt, in dem er kurz seine berufliche Laufbahn skizzierte.

Stahlschmidt war Forscher und Lehrer mit Leib und Seele. Er hielt Vorlesungen über technische Chemie. Daneben Vorlesungen über die Verkohlung und Verkokung, Salinenkunde, Bierbrauerei und Rübenzuckerfabrikation. Weiters hielt er Übungen in hüttenmännischer Probierkunst ab.
Neben seiner Lehrtätigkeit widmete er sich  vor allem neuen Entwicklungen in der Chemie. Zentrale Gebiete seiner Forschung waren u.a. die Zucker-, Glas- und Sodafabrikation. Im April 1896 meldete er eines seiner wissenschaftlichen Ergebnisse unter dem Titel "Improvements in or relating to the Manufacture of a New Product from Sugar, Ferric Oxide, and Chloride of Sodium" in England zum Patent an. Dabei dürfte es sich um die Patentierung des von Borchers als "Ferrosol" (= Ferroleein) beschriebenen Eisen-Zucker Komplexes handeln, welcher von Stahlschmidts Sohn Ferdinand in dessen chemischer Fabrik in Hagen produziert wurde. Dieses Mittel wurde gegen "Bleichsucht, Blutarmut und deren Folgeerscheinungen empfohlen" (Arends, 1903, 172).

Die Zahl eigenständiger Publikationen blieb bei Stahlschmidt - für einen Wissenschaftler eher "gering", er war wohl mehr ein Praktiker. Eine Reihe von Abhandlungen wurden in Dinglers Polytechnischem Journal, in Liebigs und Poggendorfs Annalen publiziert.

Die 5. Auflage (1879) v. Pompejus A. Bolleys "Handbuch der technisch-chemischen Untersuchungen" wurde von ihm neu bearbeitet und ergänzt, bei der 6. Auflage (1889) war er der Herausgeber.
Auch war er als Gutachter tätig,so wurde er z.B. 1879 von einer Versicherungsgesellschaft und der Rheinischen Eisen-Bahngesellschaft beauftragt, ein Gutachten über die "Unmöglichkeit der Selbstentzündung feuchter oder beschädigter Baumwolle" zu erstellen.

Besonders gefragt war Stahlschmidt als Gerichtsgutachter und Sachverständiger.
Die Zeitschrift für angewandte Chemie hielt lt. Borchers fest: »Ganz besonders gesucht war Stahlschmidts Urtheil in gerichtlichen und anderen Streitfragen; seine gründlichen, peinlich gewissenhaften Untersuchungen und, fest auf diesen fussend seine schlichte, überzeugende Beweisführung haben hier oft klärend gewirkt. Manche mustergültige Arbeit liegt in Gerichtsakten vergraben.« (Borchers, o. Sa.).

Seine Verdienste, sowohl in der Forschung als auch als Lehrer, wurden 1902, ein Jahr vor seinem Tod, von Seiten der Regierung anlässlich seines siebzigsten Geburtstages am 20. 10. 1901 mit dem ›Charakter als Geheimer Regierungsrath‹ und der Verleihung des ›Roten-Adler-Ordens‹ gewürdigt. Vermutlich war Stahlschmidt zu diesem Zeitpunkt schon schwer erkrankt, denn wir finden im Studienjahr 1902/03 den Hinweis, dass eine Vertretung für ihn herangezogen werden musste
. Am 6. September 1902 starb Karl Stahlschmidt zu Aachen, kurz vor seinem 71. Geburtstag.

Stahlschmidt war mit Bertha Caroline H. Schirmer verheiratet. Sein Sohn Ferdinand Arnold Emil, 1861 in Berlin geboren, trat als Chemiker in die Fussstapfen seines Vaters, 1893 meldete er bei der Schweizerischer Eidgenossenschaft ein Patent unter dem Titel "Gasdruckregulator mit Membranbelastung" an, 1900 ein Patent in England unter dem Titel "Improved Process for the Production of Solutions of Saccarate of Iron" und 1926 ein weiteres unter dem Titel "Improvements in the Process of Imparting Varous Colours and a Golden Appearance to Brass Articles".

Patente:
Stahlschmidt, Carl
GB No.7793, 13th Apr. 1896, Title: Improvements in or relating to the Manufacture of a new Product from Sugar, Ferric Oxide, and Chloride of Sodium
Stahlschmidt, Ferdinand
Eidgen. Amt für Geistiges Eigentum, Patentschrift Nr. 6872 v. 25.5.1893
Titel: Gasdruckregulator mit Membranbelastung
Stahlschmidt, Ferdinand
GB, No. 17,953, 9 th Oct. 1900, Title: Improved Process for the Production of Solutions of Saccarate of Iron


Quellen/ Bibliographie (Auswahl):

Archiv u. Bibl. der RWTH Aachen; GStA Berlin, KB Berlin; StadtA Aachen; Patentämter; Priv. Korrespondenz Stahlschmidt; UniversitätsA Gießen
Arends, Georg:
Neue Arzneimittel und pharmazeutische Spezialitäten: einschliesslich der neuen Drogen etc., 1903, 172 und 1913, 213
Ascherson, Ferdinand:
Urkunden zur Geschichter der Jubelfeier der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, 1860, 153
Baeyer, J. F. W. Adolf v.:
Adolf v. Baeyers gesammelte Werke, hrsg. zur Feier des 70. Geburtstages des Autors von seinen Schülern und Freunden, Braunschweig 1905, xli
Bolley, Pompejus Alexander:
Bolley's Handbuch der chemisch-technischen Untersuchungen, 1879 u. 1889
Borchers, Wilhelm:
Geh.-Rath Prof. Dr. Stahlschmidt, Sonderdruck aus: ZS für angewandte Chemie H. 39, 1902
Dammer, Otto (Hrsg.):
Handbuch der anorganischen Chemie, Stuttgart 1894, 349
Gast, Paul:
Die Technische Hochschule zu Aachen 1870-1920, Aachen 1920, 320 ff.
Laur, Peter:
Die Abteilung für Chemie am Aachener Polytechnikum im 19. Jahhrundert: eine Emanzipationsgeschichte. Vortrag gehalten bei der Jahrestagung der GDCh-Fachgruppe Geschichte der Chemie 2007, Bad Langensalza
Lunge Georg/Berl, Ernst:
Chemisch-technische Untersuchungsmethoden, Berlin 1905, 799, 808, 813
Poggendorff, Johann C.:
Biographisch-literarisches Handwörterbuch
Poggendorffs Annalen der Physik, Bd. 108 (1859)
1Rumpler, Ursula:
Die Stahlschmidts. Eine historisch-genealogische Archiv- und Quellenforschung, Baden 2005, 332-336
Reinhardt, Carsten:
Heinrich Caro and the Creation of Modern Chemical Industry, Dortrecht 2000, 145, 447
Watts/Morley:
A Dictionary of Chemistry and the allied branches of other sciences, 8 pt.1, 1879, 280-282

Chemisches Centralblatt, 1969, 396, 1000

Monatsberichte der Königlich-Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1862, 264

The Modern materia medica: the source, the chemical and physical properties,  therapeutic action, dosage, antidotes etc., New York 1911, 160
Bildnachweis:
ZS f. angewandte Chemie, Sonderdruck, H.39, 1902

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