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Autor: Ursula Rumpler

Johann Hermann Stahlschmidt (1823-1865), Renteiverwalter & Hütteninspektor zu Burgholdinghausen, erster Direktor zu Haßlinghausen

Ein erster Überblick:

Während die Vita Ludwig Carl Stahlschmidts (1795-1882) gut dokumentiert ist, sind die bisher publizierten Quellen, die Auskunft über seinen Sohn Johann Hermann Stahlschmidt geben, eher spärlich und sollen daher durch weitere Recherchen nach und nach ergänzt werden.

Johann Hermann Stahlschmidt wurde am 25.7.1823 als viertes Kind (von neun) des Ferndorfer Bürgermeisters und Stahlfabrikanten Ludwig Carl Stahlschmidt und der Anna Maria Siebel in Ferndorf geboren.
Von 1837-1843 besuchte Hermann Stahlschmidt die höhere Bürgerschule in Siegen ("primus omnium") und absolvierte im Anschluss eine Ausbildung in Neuwied. Anschliessend begann er eine Ausbildung im Berg- und Hüttenfach. 1846 kam er seiner Militärverpflichtung nach, die er in Berlin ableistete.
Danach wurde seine Fachausbildung durch den Besuch der Haupt- Berg- und Hüttenwerke in Schlesien vervollständigt.
Schon seit 1841 war sein Vater an der Burgholdinghauser Hütte als Hüttenverwalter mit 400 Talern Jahresgehalt beschäftigt. 1848 begann auch Hermann St. als Renteiverwalter u. Hütteninspektor in der Gräflich v. Fürstenberg-Herdingen'schen Hütte zu  Burgholdinghausen, die "in dem Holzkohlehoofen […] gerösteten Spatheisenstein des Müsener Stahlbergs mit harten Holzkohlen auf Spiegeleisen und abwechselnd auch geringere Sorten aus Spath- und Brauneisenerzen" erblies, (zit. J. H. Stahlschmidt, Hohofenprozess, 64). Aus dieser Zeit sind elf Geschäftsbriefe aus Stahlschmidts Hand erhalten geblieben, die ihn als einen tüchtigen Kalkulanten ausweisen.

Mit dem Jahr 1851 und der im gleichen Jahr stattfindenden ersten Weltausstellung im Londoner Kristallpalast begann eine der wichtigsten Dekaden in der Geschichte der Montanindustrie. Henry Bessemers Erfindung des (Wind-)Frische-Verfahrens, deren Verbesserung durch Sidney G. Thomas und die Einführung des Siemens-Martin Verfahrens führten zu einer völligen Umwälzung der Eisenindustrie und leiteten die Massenstahlerzeugung ein.

Die Bedeutung der Londoner Weltausstellung für die weitere Entwicklung in der Eisenindustrie war nicht unerheblich. Hier konnten sich die Fachleute zum ersten Mal einen umfassenden Überblick über die neuesten Erfindungen in der Montanindustrie verschaffen. Die Firma Friedrich Krupp aus Essen erlangte auf dieser Industrieausstellung die höchste Auszeichnung, die "Council Medal", für ihr Ausstellungsobjekt aus Gußstahl und der Name "Krupp" wurde weltweit bekannt. Auch die deutschen Unternehmer "Lehrkind, Falkenroth & Komp." aus Haspe fanden mit ihrer Fabrikation des Puddelstahls große Anerkennung.
S. Blackwell hatte damals eine bemerkenswerte Ausstellung aller englischen Eisenerze zusammengestellt, die später dem "Museum of Practical Geology" geschenkt wurde, darunter auch schwarzer Kohleneisenstein ("black band") aus Schottland und Süd-Wales, der das große Interesse der deutschen Fachleute weckte.
Dieser Kohleneisenstein war nämlich kurz zuvor auch im Ruhrgebiet durch den Bergassessor Schneider entdeckt worden. Die Bedeutung dieser neuen Entdeckung führte im Rheinland nun zur Gründung zahlreicher Hüttenwerke (Henrichshütte, Hattingen; Hörder Bergwerks- und Hüttenverein; Bergwerksverein Friedrich Wilhelms-Hütte, Mülheim/Ruhr; Concordia, Eschweiler), oft in Form von Aktiengesellschaften, welche erst die Finanzierung ermöglichten.

Auch in der Gemeinde Haßlinghausen wurde eine Eisenhütte zur Verhüttung von "black band" durch "Born, Lehrkind & Co." aus Hagen-Haspe gegründet, deren Konzessionierung 1855 erfolgte. Im Mai des gleichen Jahres wurde der erste Hochofen in Betrieb genommen.

J. H. Stahlschmidt  beendete 1855 seine Tätigkeit in Burgholdinghausen, da er einen Ruf als erster Direktor nach Haßlinghausen erhalten hatte.


Zu der Zeit konnten die Hüttenwerke an der Ruhr zwischen mehreren Varianten von Kokshochöfen wählen. Zwar galten die englischen Hochöfen immer noch als die Besten, doch das nähere Belgien bot ebenfalls konkurrenzfähige Öfen an, die vor allem in Westfalen und im Rheinland weite Verbreitung fanden. Diese belgischen Öfen hatten ein besonders dickes Mauerwerk, das sog. "Rauhgemäuer", die Form glich einer vierseitigen Pyramide mit einem eingebauten Gestell aus Puddingstein. Doch man fing in Westfalen auch langsam an, Öfen nach schottischem Vorbild und mit einem frei stehenden Gestell zu bauen, die zudem preisgünstiger als die belgischen Öfen waren.

Einer der ersten modernen Hochöfen dieser Art wurde 1856 von der Haßlinghauser Hütte in Betrieb genommen, um den relativ minderwertigen Kohleneisenstein zu verarbeiten. Die Anschaffungskosten betrugen nur 5300 Taler, statt der 16.000 Tlr., die für einen belgischen Hochofen zu zahlen waren. (Beschreibung und Abb. des Ofens in: "Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure").

Man war sich einig, dass dieser Ofen einen "Markstein in der Geschichte des deutschen Hochofenbetriebes" darstellte, (Treue, Wirtschaftsgeschichte, 554). Der Hochofen war aus Stahl geschweißt und mit feuerfesten Steinen aus Garnkirk b. Glasgow gemauert; die innere Höhe betrug beachtliche 13,73 Meter.

Für die nächsten fünf Jahre war die Haßlinghauser Hütte das einzige Hüttenwerk in Deutschland, welches ausschließlich Kohleneisenstein verarbeitete. Da vor allem dem richtigen "Aufgichten" immer größere Bedeutung zukam, wurden spezielle Erzgichtwagen mit beweglichen konischen Böden konstruiert, welche die Erze ringförmig am Schachtrand eingaben. Ein solcher Erzgichtwagen ist nicht nur von Hüttenmeister Brand in Gleiwitz 1853 detailliert beschrieben worden. In Haßlinghausen setzte J. H. Stahlschmidt ähnliche Wagen ein, über die er gleichfalls eine Beschreibung
verfaßte, die u.a. 1858 im "Technologiste"Eingang fand.


Fast alle größeren Eisenhütten richteten nun auch eigene Laboratorien ein, um ihre Rohmaterialien und Produkte zu analysieren. Auch J.H. Stahlschmidt beschäftigte sich während seiner Zeit in Haßlinghausen mit diversen Analysen und Experimenten zur Theorie des Hochofenprozesses, deren Ergebnisse er 1864 in einer knapp 90-seitigen Abhandlung unter dem Titel "Darstellung des Eisen- Hohofenprozesses" publizierte: darin stützt er sich "speciell auf Data, welche mir die Leitung des Cokeshohofenbetriebes zu Haßlinghausen in Westfalen in den Jahren 1856/57 in, für den gegenwärtigen Zweck geeigneten, Perioden an die Hand gegeben hat." (vgl. dort auch Fig. 9 Taf. II.).

Sein Augenmerk lag dabei vor allem auf den technischen Problemen, welche durch die neuen Hochöfen aufgeworfen wurden. Dabei verglich er seine Resultate mit ähnlichen Untersuchungen anderer Fachleute, wie von Jacques-Joseph Ebelmen (1814-1852), des Chemikers Theodor Scheerers (1813-1873) und des damals führenden und international anerkannten Eisenhüttenfachmanns Peter v. Tunner (= Peter Ritter v. Tunner, 1809-1897), dem ersten Leiter der heutigen Montanuniversität Leoben.

1858 soll Stahlschmidt einem Ruf als leitender Direktor des Hörder Vereins nach Dortmund(-Hörde) erhalten haben und dort bis 1861 verblieben sein (vgl. Konrad, Hasslinghauser Hütte).
Meine eigenen Recherchen bei ThyssenKrupp konnten diesen Posten Stahlschmidts bisher nicht belegen. Spezialdirektor war damals Johann F. Wiesehahn (1852-1873), Heinrich v. Hoff hatte die Leitung des Hochofenwerks inne, Franz Alberts die des Bergbaubetriebes und Reiner Daelen war Leiter der Stahl- und Walzwerke.
1861 kehrte Stahlschmidt in seine Heimat Ferndorf zurück, wo er fortan den väterlichen Betrieb leitete.

Stahlschmidts theoretische Facharbeiten und Untersuchungen fanden ihre Beachtung in der Fachwelt. Seine Ergebnisse, wie beispielsweise zu Wärmeverlust, Brennmaterial bei Gebläseschachtöfen, Kennzeichnung zur Beurteilung des Ofengangs usw. fanden Eingang in den einschlägigen Fachzeitschriften wie "Der Berggeist" oder "Zeitschrift für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen" ("Der Niedergang der Gichten beim Hohofenbetriebe"). Sie sind heute jedoch nahezu in Vergessenheit geraten. 

Auch in der Ortspolitik engagierte er sich, so wurde er gemeinsam mit seinem Vater 1862 als Wahlmann für die Wahl eines Abgeordneten (f. d. Kreise Siegen u Wittgenstein) zum Hause der Abgeordneten gewählt.


Seit 1852 war Hermann Stahlschmidt mit Wilhelmine ("Minchen") Eckenbach aus Littfeld verheiratet. Im gleichen Jahr bezog er ein neu erbautes Wohnhaus in Burgholdinghausen.  Später erfolgte ein Umzug mit Familie nach Haßlinghausen. Aus der Ehe mit Minchen Eckenbach gingen 6 Kinder hervor: Gustav, Henriette, Hermann, Otto, Bertha und Rudolf.
In Haßlinghausen lebten neben der Familie Stahlschmidt auch Hermanns Schwestern, Amalie, verheiratet mit dem aus Esborn gebürtigen Kaufmann Friedrich Peters (7 Kinder) und Wilhelmine, verh. Hammerschmidt, die beide dem Ruf ihres Bruders gefolgt waren. 1865 nahm sich Johann Hermann Stahlschmidt das Leben.

Anm.: Nähere Beschreibung der Entwicklungsgeschichte
der "Haßlinghauser Hütte" und Tätigkeit Stahlschmidts vor Ort sind auch dem Beitrag v. Horst-Dieter Konrad zu entnehmen.  Dort auch eine Abb. des von Stahlschmidt bewohnten ehemaligen Direktorenwohnhauses.


Quellen/Werke/Bibliographie (Auswahl):
Archive:
Archiv Fürstenberg-Herdingen;
Montanuniversität Leoben;
Montanhistorisches Dokumentationszentrum Bochum;
StadtA Sprockhövel;
Stahlinstitut Düsseldorf;
ThyssenKrupp Konzernarchiv, Dortmund;
WWA Dortmund
Stahlschmidt, J.H.:
"Der Niedergang der Gichten beim Hohofenbetriebe", in: ZBHSW, 5 (1858)

"Beschreibung eines neuen Wagens zum Aufheben der Schmelzmaterialien bei Hochöfen", in: Berg- u. hüttenmännische Zeitung, 17. Jg., 3. Febr. 1858

"Bemerkungen zu den Mittheilungen des Herrrn Einfahrer Schell zu Zellerfeld über eine Hebeanlage auf dem Ernst-August-Stolln in der Grube Bergwerks-Wohlfahrt bei Clausthal" in: Berg-u. hüttenmännische Zeitung, Nr. 34, 1858

"Ökonomie in der Benutzung der Brennmaterialien", in: Der Berggeist, Ztg. für Berg- u. Hüttenwesen u. Industrie, Nr. 22, 1858

"Beschreibung eines Apparates zur Sicherung des Effectes der Heber", in:
Berg- u. hüttenmännische Zeitung 1860, Nr. 9; Dinglers Polytechnisches Journal, Bd. 156,1860, 396

"Darstellung des Eisen-Ho(e)hofenprozesses in Zahl und Bild, verwendet zur Begründung besserer Ofenprofile...", Ferndorf 1864, in: Berg- u. hüttenmännische Zeitung, Nr. 6; Teilabdr. in: Jahresberichte über die Fortschritte der chemischen Technologie für Fabrikanten [...], 1880, 146-147

Beck, Ludwig:
Die Geschichte des Eisens in technischer und kulturgeschichtlicher Beziehung ( Bd. 1-5), Bd. 4, Braunschweig 1899, 388-391, 774-779,815-837, 986-987
Düsterloh, Diethelm:
Die Haßlinghauser Hütte in Sprockhövel-Haßlinghausen und ihre Rohstoff-Zuliefererbetriebe, in: Der Märker, 35/1986, 262-270
Kerl, Bruno:
Handbuch der metallurgischen Hüttenkunde: zum Gebrauche bei Vorlesungen und zum Selbststudium, Bd. 1,  Freiberg, 18612, 418-419, 421, 454, 904
Konrad, Horst-Dieter:
Haßlinghauser Hütte - Ein vergessenes Pilotprojekt der Industrialisierung des Ruhrgebiets steht in Sprockhövel...in: Westdeutsche Zeitung, 2.12.2005 (Sonderveröffentlichung, Haßlinghausen).
Matschoss, Conrad:
Ein Jahrhundert Deutscher Maschinenbau, 1919, 52
Mews, Karl:
Haßlinghauser Hütte- Neuschottland-Dortmunder Union Eisenwerk Steele. Ein Jahrhundert Werksgeschichte 1856-1956, in: Geschichte v. Stadt und Stift Essen, Bd. 71 (1956), 3-57
Seeling, Hans:
Die Eisenhütten in Heerdt und Mülheim am Rhein, Köln 1972, 40
Stahlschmidt, Ludwig
Gottes Führungen am trostreichsten und herrlichsten erkannt aus dem Werth schwerer Schicksale, Elberfeld 1866
Treue, Wilhelm
Wirtschafts- u. Technik-Geschichte Preussens, Veröffentlichung der Histor. Kommission zu Berlin, Bd. 56, 1984, 556, 624

"Decheniana", Naturhistorischer Verein der Rheinlande, 1848

Jahresbericht über die Leistungen der ehemaligen Technologie, 1865,147

Le technologiste ou archives des progrès de l'industrie francaise et étrangère, Paris 1858, 492-495

ZS d. Vereins deutscher Ingenieure, 1857, 296

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