Widmung im Stammbuch
Agonás, 1807
Stammbücher gehen bis in die
Zeit der Reformation zurück, als es in Mode kam, Autographen zu
sammeln. Mit Eintragungen, Widmungen versicherte man sich
gegenseitiger Freundschaft. Diese Eintragungen waren häufig
illustriert mit hübschen Federzeichnungen, Bildern oder
Scherenschnitten.
Der Brauch, ein Stammbuch zu führen, nahm seinen Ausgang an
der Universität Wittenberg. Das Deutsche Historische Museum in
Berlin verfügt heute über eines der ältesten
Gelehrtenstammbücher, es gehörte dem Theologen Abraham Ulrich
(1526-1577), ein weiteres
Stammbuch wurde von Claude de Senarclens 1545 in Wittenberg begonnen.
Zwischen 1750 und 1840 erfreute sich das Führen eines Stammbuches
großer Beliebtheit bei Studenten, nicht nur in Deutschland, die
Mode griff auch auf Nachbarländer über, wie Skandinavien,
Holland und Ungarn.
Beliebt
war es nicht nur, Eintragungen von Familienmitgliedern und guten
Freunden zu sammeln, sondern insbesondere auch von
Persönlichkeiten, Respektspersonen, wie Professoren, Lehrer,
Pfarrer, Dichter. Diese Eintragungen dienten u.a. auch als eine Art von
Referenz, die beim Wechsel von Universtiät zu Universität von
Nutzen sein konnten. Die Büchlein hatten ein handliches
kleines Format, so dass man sie auf Reisen stets mit sich führen
konnte.
Heute geben Stammbücher einen historisch interessanten Einblick
auf das Lebensumfeld des jeweiligen Besitzers.
August Carolus Wladár von Nagy Czepesény et Mútna
war am 1.1.1821 in Samsonhaza, Ungarn, geboren worden und Sohn des ref.
Pastors Samuel Wladár (* ung. 1790) und der Karolina Goldberger.
Aus dieser Ehe gingen sieben weitere Kinder hervor: Sidonia *
1822, Paulina, Antonia, János * 1831, Miksa * 1833, Viktor und
Kálmán.
Ihr Vater, Samuel Wladár, soll in Wittenberg Theologie studiert
haben. 1821 und 1832 ist er als "Rev. Minister" in Samsonhaza belegt,
wo er 1854 auch gestorben ist.
Das ältere der beiden Stammbücher hat die Größe
von 10 x 16 cm, Queroktavformat, einen gut erhaltenen Ledereinband mit
Goldprägung und ca. 200 Seiten, die großteils beschrieben
sind.
Es enthält Eintragungen, beginnend mit März 1806 und wurde
fortgeführt bis Jahresende 1807 in ungarischer, lateinischer und
deutscher Sprache. Eingetragen haben sich Freunde aus Ungarn, wie der
spätere Pfarrer Daniel Mumhárt, Hochschullehrer der
Universität v. Wittenberg, wie beispielsweise der luth. Professor
und Theologe Heinrich Leonhard Heubner* (1780-1853) und Kommilitonen,
wie der spätere Finno-Ugrist, Schriftsteller und Shakespeare
Übersetzer, Gabriel (Gábor) Döbrentei (1785-1851)**,
der spätere österr. Theologe und Seelsorger Michael
(Mihály) Doleschall***,(Vater des österr.
Arztes u. Insektenforschers, Ludwig D.).
Bisher wurde dieses Stammbuch Samuel Wladár, zugeordnet, was
jedoch nicht richtig sein kann.
Meine
Recherchen in den Matrikeln der alten Universität
Wittenberg-(Halle), ergaben, dass ein Samuel Wladár sich
für den in Frage kommenden Zeitraum als Student nicht nachweisen
lässt.
Wittenberg als Studienort für einen aus Ungarn stammenden,
calvinistischen Studenten der Theologie scheint auch recht unpassend,
diese studierten damals zu 93% in der Schweiz.
Weiterführende Hinweise ergaben sich aus dem zweiten Stammbuch,
dem zu entnehmen ist, dass die Familie Wladár über einen
längeren Zeitraum in Rosenau (Rosnyón, heute Rosnava),
Ober-Ungarn, gelebt haben oder zumindest einen engen Bezug zu diesem
Ort gehabt haben muss. Diverse Einträge stammen von Mitgliedern
der Familie "Agonás" aus Rosenau. Weitere Forschung in der
Slowakei ergab, dass sich am 20.10.1806 an der theologischen
Fakultät von Wittenberg der ungarische Student Samual
Agonás aus Rosenau immatrikuliert hatte.
Samuel Agonás war am 11.2.1780 im Komitat Gemer geboren und war
nach Studienende 1808 luth. Pastor in Losonc (heute Lučenec) und Banska
Bystrica, zuletzt 1847 in Rosenau tätig. Agonás war jedoch
nicht nur als Pastor, sondern auch als Pädagoge und
Übersetzer bekannt. So gab er 1839 in Kaschau die "Augustana
Cofessio heraus". Agonás starb am 13.7.1847 in Rosenau.
Eine Verbindung zwischen der Familie Agonás und Wladár
ergibt sich durch die Heirat des Sohns von Samuel Wladár:
August Wladár war mit Louise Agonás (*15.3.1828 Rosenau,
+ nach 1905 Waidhofen/Ybbs, NÖ) verheiratet. Es ist denkbar, dass
Louise die Tochter Samuel Agonás' gewesen ist, die relevanten
Kirchenbücher konnten noch nicht eingesehen werden.
Man kann also annehmen, dass dieses Stammbuch nicht Samuel
Wladár, sondern Samuel Agonás zugeschrieben werden muss.
Das zweite Stammbuch beginnt 1838 und wurde bis 1849
geführt.
Es besteht aus losen farbigen Einzelblättern, welche in einer
kleinen, verzierten Kassette aufbewahrt wurden/werden. Darunter
befinden sich die Widmungen "von Deinem Vater Samuel Wladár",
"von Deinem Freund August Wladár" und "an Fräulein Louise
Agonás". Bei näherer Betrachtung gewinnt man den Eindruck, dass
die Widmungen unterschiedlichen Stammbüchern entnommen und
später zurecht geschnitten worden sind. Dies lässt den Rückschluss zu,
dass es sich um die Sammlung von Widmungen des Ehepaars
Wladár/Agonás aus ihrer Jugendzeit handelt, die
später zusammen in dieser Kassette abgelegt wurden. Die
Eintragungen sind sowohl in ungarischer, als auch deutscher Sprache
gehalten und enthalten u.a. die Ortsangaben von Rosenau, Schemnitz,
Csalán, Losoncz. Die Eintragungen zeichnen sich insbesondere
durch reizvolle Illustrationen und kolorierte Federzeichnungen aus.
August v. Wladár besuchte das ev. Gymnasium v. Osgyánbol,
1838 das Gymnasium von Schemnitz, (Selmecbánya, heute
Banská Stiavnica), 1841 das reformierte Lyceum von Losonc(z)
(heute Lučenec).
Später stand er fast 50 Jahre in Diensten des Hauses Coburg: er
war Zahlmeister unter Ferdinand v. Coburg, Herzoglichsächsischer
Hofrath, Prinz Philipp von Sachsen-Coburg Gotha'scher
Ober-Rechnungsrath, Ritter des Franz Josef-Ordens, Comthur des
Fürstlich Bulgarischen Civil-Verdienst-Ordens, Ritter des
Bulgarischen Alexander Ordens IV.
Classe, Groß-Offizier des Türkischen Medjidije Ordens,
Ritter
des Herzoglich-Sachsen-Ernestinischen Haus-Ordens I. Classe und Ritter
des Königlich Portugiesischen Christus-Ordens.
Aus der Ehe mit Louise Agonás ging eine Tochter hervor,
Irma * 18.12.1852 Rosenau (Rosnava), + 10.6.1933 Waidhofen/Ybbs o-o 15.
8.1874 Karl Hans Mühler * 2.2.1845 Pöchlarn, + 27.
8.1889
Waidhofen/Ybbs. Diese Ehe blieb kinderlos.
Weiterführende
Hinweise zu den beschriebenen Familien werden gerne entgegen genommen.
Anm.: Die Universität Szeged hat eine Datenbank
"Inscriptiones Alborum Amicorum" erstellt, in der europaweit
Inskriptionen aus ungarisch-stämmigen Stammbüchern erfasst
wurden.
Eine weitere Datenbank wird durch das "Repertorium Alborum Amicorum"
(RRA), v. PD Dr. Werner Schnabel, Institut für Germanistik,
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zur
Verfügung gestellt.