Die Wassermann-Sage

Auf dem Weg von Hieflau nach Eisenerz, am Fuße einer schroffen Felswand, findet man ein in das Gestein eingebettetes Wasserbecken, dessen klare Fluten von einem aus der Felsgrotte hervortretenden Bächlein gespeist werden. Hier bemerkten vor vielen hundert Jahren die Bewohner des lieblichen Tales alltäglich einen Wassermann, der bei jeder Annäherung eines Menschen murrend in der Grotte verschwand. Die Leute erhofften durch diesen Knirps zu großen Schätzen zu gelangen und beschlossen daher, ihn durch List zu fangen. Nach längerer Beratung stellten sie eines Morgens am Rande des Wassers Braten und Wein hin und legten dazu noch einen, innen mit Pech beschmierten Mantel dazu.
Neugierig näherte sich der Wassermann den Gaben der Menschen, konnte nicht lange dem Dufte der Speisen und des Weines widerstehen und labte sich an beiden. Hierauf musterte er den Mantel und umhüllte damit, nichts ahnend, seinen aalglatten Körper. Wohlgefällig grinsend besah sich nun das Männchen im Spiegel des Wassers und sichtlich erfreut über sein verändertes Aussehen tanzte es lange Zeit wie toll umher, bis es ermattet, wohl auch betäubt vom Genusse des ungewohnten Trankes, in tiefen Schlaf verfiel.
Diesen Augenblick benutzten nun die schlauen Älpler. Sie nahmen den kleinen Wicht, der sich wie ein Wütender wehrte, tobte und fluchte, weinte und klagte, fest und trieben ihn, trotz seines ungestümen Zappelns, talaufwärts. An der Stelle, wo man zum ersten Mal den Erzberg erblickt, war der Gefangene nicht mehr weiter zu bringen und versprach für seine Freilassung große Schätze. "Sage, was kannst Du uns für Deine Freiheit bieten?", riefen die Männer und der Wassermann sprach:

"Nun wählet schnell
Auf dieser Stell',
Ein goldner Fuß
Bald schwinden muß;
Ein sibernes Herz,
die Zeit verzehrt's;
Ein eisener Hut
Hält lang und gut.
Erwägt es klug,
Dann habt genug!"

"Den eisernen Hut wollen wir haben" erklärten die Männer nach kurzer Beratung fest entschlossen. Der Wicht zeigte nun auf den von hier aus sichtbaren Erzberg und nachdem sich die Älpler von der Wahrheit seiner Worte überzeugt hatten, brachten sie ihn wieder zur Grotte zurück. Kaum war er aber wieder in seinem gewohnten Wasser, rief er ihnen höhnisch zu:

"War't ihr doch dumm
Da rund herum!
Hätt' euch gesagt,
wenn ihr gefragt:
Wie Gold man macht aus Spreu
Und auch das Alte neu;
Was denn bedeuten muß
Das Kreuz in jeder Nuß.
Und der Karfunkelstein
Mit seinem feurigen Schein.
Nun ist's für Euch zu spät,
Niemand es mehr verrät!"

 

Hierauf verschwand es in den Fluten. Da bebte rings umher die Felswand und aus des Wassers Tiefen quoll Blut herauf. Den Wassermann aber sah man nie mehr wieder. Die Bewohner fingen jedoch sofort an, den Erzberg zu bebauen und wurden reich und glücklich.

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