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Vom Genealogieschreiben

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Ich schreibe seit einiger Zeit Begebenheiten aus dem Leben meiner Vorfahren auf, um sie nicht wie die Gehirnwellen im Nichts verpuffen zu lassen, denn die Familie soll nicht eines Tages ohne Vergangenheit - das heißt ohne Identität - dastehen. Aber meine Genealogie ist auch ein Logbuch einer Reise durch das Land und die Zeit der Genialen, Abenteurer, Anführer, Kämpfer, Stumpfsinnigen und Beschränkten.

Unsere Vorfahren leben durch ihre Gene in uns weiter und sind Teil unserer eigenen Identität, ganz gleich ob man das nun will oder nicht.

 

Genealogien
Eroberungen
Ergebnisse

         
   

Hier erfolgt keine Geschichtsschreibung zur historischen Begründung nationaler Ansprüche oder zur Untermauerung patriotischer Mythen, einzig und alleine meine Vorfahren sollen hier im historischen Kontext dargestellt werden.

Ausgehend von Chroniken und Handschriften habe ich mit Lust das erschröckliche und geheime, magische und verwunschene, seltsame und gefährliche Leben meiner Vorfahren für mich neu entdeckt und für andere in dieser Enzyklopädie über die Familie Seeau aufgeschrieben.

Ich selbst bin kein Seeauer im Sinne einer patrilinearen Vererbung, aber ich bin ein wahrer Nachfahre der Grafen Seeau von Mühlleuten. Und so möchte ich meinen Vorfahren mit dieser Arbeit meine aufrichtige Reverenz erweisen.

Mödling im Mai 2002
Kurt Jakob

 
         
    Genealogien    
   

In zahlreichen Kulturen hat man viele Kinder, weil man zu recht daran glaubt, später in seinen Kindern und Kindeskindern weiterleben zu können. Nun trifft das natürlich nur für die Gene zu und nicht für das individuelle Erleben. Die genealogischen Aufzeichnungen sind für mich nicht nur Dokumentation meiner Vorfahren, sondern auch ein außergewöhnlicher Informationsspeicher, der von seinen objektiven Möglichkeiten her unerreicht ist.

Die Genealogie dient der Darstellung elementarer Ereignisse und individueller Erlebnisse im Leben der Vorfahren und ist eine einmalige Gelegenheit die Kommunikation der Vergangenheit mit der Zukunft aufzubauen. Diese Zeitdokumente rufen auch für den Verfasser vergessene Episoden und Personen herauf, auch insofern, als ja alle handelnden Personen längst gestorben und viele Geschlechter überhaupt ausgestorben sind. Damit wird ein Stück Geschichte aus einer ganz persönlichen Sicht dokumentiert, eine detaillierte Chronik der Geschlechter, von denen man abstammt.

Das Wort „Geschichte“ beschreibt auch übereinander gelagerte Begebenheiten, also ein Geschiebe, ein Gebröckel, ein Gemenge, eben ein Geschichte von Gegebenheiten und Mutmaßungen, von Tatsachen und Einbildungen, vom Werden und Vergehen.

Nur einen Bruchteil dessen, was je passiert ist, kann man später noch nachvollziehen, wichtige Ereignisse eingeschlossen. Vieles hat sich geändert in den Jahrhunderten und Dinge, die die Vorfahren in positive oder negative Schwingungen versetzen konnten, haben jetzt nicht einmal mehr auch nur die kleinste Bedeutung für uns. Ja wir können oft nicht einmal mehr die Beweggründe verstehen. Andere Ereignisse haben sich dafür in den Vordergrund geschoben, obwohl man das damals nicht so einschätzen konnte.

Faust:
"O glücklich, wer noch hoffen kann
Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!
Was man nicht weiß, das eben brauchte man,
Und was man weiß, kann man nicht brauchen.
Doch lass uns dieser Stunde schönes Gut
Durch solchen Trübsinn nicht verkümmern!"

Kaum eine Tätigkeit ist so solitär und isolierend geartet wie gerade das Genealogieschreiben. Und es ist überdies eine anspruchsvolle Schreibübung, die das strukturierte und sachbezogene Schreiben verlangt.

Die Genealogie ist Strukturierung und Dokumentation der Familiengeschichte und der essayartigen Beschreibung von Zuständen und Ereignissen. Die Beschreibung der Historie und der darin eingebetteten Personen und Geschlechter steht im Vordergrund und nicht die an sich selbst gerichtete Mitteilung. 

Ernst gemeinte Genealogien müssen sorgfältig und systematisch ausgeführt werden, dabei muss man sich immer darüber klar sein, dass es nur wenige Bruchstücke sind, die man dem Dunkel der Vergangenheit entreißen kann. Jeder Eintrag wird nach Familie geordnet und chronologisch eingeordnet.

Genealogieschreiben ist für mich seit einiger Zeit ein Muss, wenn ich den natürlichen Impuls fühle über alles Mögliche aus der Vergangenheit zu schreiben, wissenschaftlicher Ehrgeiz unterstützt mich dabei, das detaillierte Konkrete zu beschreiben und dann auf eine allgemeine Ebene zu heben.

Ich versuche aus den wenigen Fakten die alte Welt heraus zu lesen, in der meine Vorfahren zu Hause waren. Trotz intensiver Suche gelingt es mir oft nicht, meine Identität in den Personen und Schicksalen der Vorfahren und ihren Lebensgeschichten zu finden.

Bei manchen Geschlechtern sind die Anhaltspunkte so dürftig, dass sie wohl für immer im Nebel der Geschichte verschwunden bleiben werden.

 
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    Eroberungen    
   

Das Land meiner Eroberung ist die Chronik meiner Familie, das ich Stück für Stück in Besitz nehmen möchte. Die Waffen für meine Eroberung sind Digitalkamera und Notebook, die Ziele der Landnahme sind Burgen, Schlösser, Epitaphe, Bücher und Handschriften. Die Territorialkämpfe werden in Archiven, Bibliotheken, Museen, dem Internet und nicht zuletzt an den Originalschauplätzen ausgetragen.

Ich habe mich in majestätischen Bibliotheken in alte Bücher vertieft, in hellen Archiven ehrwürdige Handschriften studiert, habe die systematischen Sammlungen der Museen durchschritten, bin durch liebevoll angelegte Heimathäuser geschlendert und habe Google immer wieder die unübersichtlichen Weiten des Internet durchwühlen lassen. Das Ergebnis meiner Recherche liegt nun vor, es sind etwa 3000 Buchseiten Text geworden und weit mehr als 1500 digitale Bilder.

In meinem Wissensdrang bin ich den Stammbaum derer von Seeau hinauf und hinunter geklettert und habe mich dann und wann auf die Stammbäume der verwandten Geschlechter hinüber geschwungen. Dabei habe ich die Äste in Augenschein genommen, die Zweige auf Tragfähigkeit geprüft, bin die Jahrhunderte hinab gestiegen und habe mich kreuz und quer durch Europa geschwungen. Ich habe nach Strukturen in der Chronologie gesucht, aber Menschen, Schicksale, Schauplätze und Mythen gefunden. Ich bin mir selbst auf die Spur gekommen, bin dem Klang meiner vielen Namen nach gegangen, bin in die Mythologie des Reichtums und in die Weite der Ländereien hinein gewandert, habe die Wappen, die Schlösser, Dörfer und Ländereien erkundet, die zur Familie gehörten und die noch heute ihre Namen tragen. Habe den Ursprung der berühmten Namen ergründet, denen man noch heute auf dem Gebiet des alten Habsburger Reiches auf Schritt und Tritt begegnet. Einmal im Lande ob der Enns: im Salzkammergut und im Mühlviertel. Dann in Innerösterreich: in der Steiermark und in Kärnten, aber auch in Tirol und der Reichshauptstadt und drum herum. Dann aber wieder im Erzbistum Salzburg, das ja über Jahrhunderte ein eigener Staat war, wichtig und viel größer als das heutige Salzburg. Aber ich habe mich auch in dem verlustriert, was einmal Vorderösterreich – die Schwanzfeder des Kaiseradlers – war: im Elsass, im Aargau, im Suntgau, im Hegau, in Baden und Württemberg und in Bayern.

Für mich gibt es keine Vermögen, keine Schlösser und Ländereien meiner Vorfahren zu verwalten, ich kann diese Welt meiner Ahnen nur erzählerisch in Besitz nehmen und sie so beschreiben, wie sie überliefert ist: fragmentarisch und unsystematisch. Fast alle meine Herkunftsfamilien sind heute, wie man so sagt, im Mannesstamme erloschen und so ist deren Besitz in alle Winde zerstreut: In den Schlössern und Burgen wohnen fremde Menschen, doch die meisten der Bauwerke sind zu Ruinen und Wüstungen verkommen. Viele der Grabsteine sind verschwunden, weil niemand die Friedhofsgebühren bezahlt hatte und auch wertvolle Grabmonumente aus edlem Marmor sind einfach nicht mehr da. Es gibt keine Möbel, keine Bücher, die der Familie gehören. Keine Schmuckstücke, keine Kleider, die meine schönen Vorfahrinnen getragen haben. Kaum Gemälde, die die honorigen Würdenträger der Familie zeigen. Das einzige, was noch da ist, sind die Urkunden in den öffentlichen Archiven, Münzen mit den Konterfeis der Ahnen, Wappen auf altehrwürdigen Pergamenten, die steinernen Zeugen wie Bauwerke und Grabplatten und die vielen Namen: die Namen der Burgen, Schlösser, Orte und Flure.

Zum Glück sind wenigstens die Familienarchive, mit ihren Urkunden, Abrechnungen und Stammbäumen, für künftige Generationen von staatlichen Institutionen gerettet worden. Ein unbezahlbarer Schatz, auch wenn man davon ausgehen muss, dass die schönsten Stammbäume und die ältesten Siegel schon vor der Übergabe verschwunden waren.

Es gilt die letzten Kleinodien, die der Familie noch verblieben sind, zu polieren und in ein Schmuckkästchen zu legen. Dabei geht es vor allem um die uralten Prosaminiaturen der Familienüberlieferung und die Fokussierung der offiziellen Schriften der Historiker auf meine Familien. Nicht vergessen sind die uralten Mythen der Familien in Form von Sagen, Legenden und Kriegsberichten. Es gilt, die geheimnisumwitterten Sagen in die rechte Form bringen, die frommen Legenden ins Gedächtnis zurück zu rufen und die Schilderung von blutigen Schlachten, Helden und Verrätern wieder zum Leben zu erwecken.

 
         
    Ergebnisse    
   

Ich habe Hunderte Bilder digital scharf gestellt, mit elektronischen Reinigungsmitteln den Dreck der Jahrhunderte abgewischt, mit der digitalen Schere die Fransen weg geschnitten und mit dem elektronischen Pinselchen die Spuren ausgebessert, die der erbarmungslose Zahn der Zeit hinein gerissen hatte. Schließlich habe ich im Rahmen der Arbeiten ein umfangreiches Bildarchiv angelegt. Da sind erst einmal die vornehmen Portraits der ach so ernst auf uns herab blickenden Männer. Dann die vielen bunten Bildchen der vielfältigen Wappen. Aber auch die Bilder der Schlösser, Burgen, Ruinen und Wüstungen von einst und jetzt. Ehrfurchtheischende Epitaphe weisen auf den Rang und die Erhabenheit der verblichenen Vorfahren hin. Die Landesfürsten unter meinen Blutsverwandten waren Fürsterzbischöfe und haben eigene Münzen geprägt, im Bildarchiv sind einige davon zu sehen. Genealogisch wichtig sind mir vor allem die digitalen Aufnahmen der Handschriften, Adelsverzeichnisse und Stammbäume aus den Museen und Archiven.

Die in letzter Zeit entstandene Enzyklopädie ist kein behäbiges Arrangement von Stammbäumen fremder Leute, sondern die Geschichte meiner Vorfahren, die in Kreuzzügen das Heilige Land befreien wollten und dort abgeschlachtet wurden, die bei den Bauernaufständen und Türkenkriegen für den Kaiser gekämpft und zum Teil auch ihr Leben gelassen haben, an den Konfessionsfeindseligkeiten zerbrochen sind, an anti-habsburgischen Rebellionen teilgenommen und in den Diensten Habsburgs europäische Politik gemacht hatten.

Sie waren alle dabei: die furchtlosen Helden, die tüchtigen Ministerialen, die mutigen Abenteurer, die treuen Hofschranzen, die technischen Genies. Aber es gab auch die verzweifelten Opfer, die unrettbaren Versager, die schwarzen Schafe. Dem gegenüber standen die Feldherrn und Offiziere, die edlen Freiherrn und die steinreichen Grafen.

Immerhin sind bei meinen engeren Verwandten auch viele Gottesdiener nachgewiesen: so manche Äbte, Äbtissinnen, Priester, Mönche, Nonnen, ein Ordensgründer, zwei Hexenverfolger, wenigstens vier Kreuzritter, viele Bischöfe und Erzbischöfe, zwei Kardinäle und nicht weniger als sechs Landesherrn, nämlich als Fürsterzbischöfe von Salzburg.

Kurt Jakob
Kurator der Stiftung Seeau

 
         

 

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