Diese Enzyklopädie der Stiftung enthält die erste umfassende Beschreibung der Familie Seeau und behandelt über ein halbes Jahrtausend Familiengeschichte der Grafen von Seeau und späteren Grafen von Seeau. Es soll mit dieser Arbeit ein allgemeiner Abriss der Familiengeschichte und ein erster Überblick über dieses Geschlecht geboten werden, wobei einzelne interessante Persönlichkeiten gesondert berücksichtigt werden. Beginnend mit Berthold Seeauer um 1300 wird der Werdegang der Familie bis 1884, also bis zum letzten Grafen von Seeau verfolgt. Am Anfang lebt diese Familie im Salzkammergut in der Nähe von Goisern in der Seeau. Besonders herausgearbeitet wird in dieser Arbeit auch die erstaunliche Heiratspolitik der Familie. Im 17. Jahrhundert hatten sie sich bereits zu einem der wichtigsten Adelsgeschlechter in Oberösterreich entwickelt, das begründet sich auch mit einer vermehrten Tätigkeit am Wiener Kaiserhof. Viele Mitglieder dieser Familie haben bedeutende Stellungen inne. Der Aufstieg des Geschlechts über die Jahrhunderte lässt sich gut anhand der Standeserhöhungen nachvollziehen. 1311 gibt Königin Elisabeth den Seeauern ein Lehen. 1503 verleiht ihnen Kaiser Maximilian I. das Wappenrecht. 1582 werden sie von Kaiser Rudolf II. in den Adelsstand erhoben. 1682 werden sie von Kaiser Leopold I. in den Freiherrenstand und 1697 in den Grafenstand erhoben. 1741 wird Ende des Aufstiegs des Geschlechts durch "Kaiserin" Maria Theresia besiegelt, als Seeauer im österreichischen Erbfolgekrieg dem Bayrischen Herrscherhaus huldigen.

Bei dieser Arbeit habe ich in erster Linie Originalquellen verwendet. Damit sind Urkunden, Briefe, Rechnungen und andere Dokumente dieser Familie gemeint. Teile des Familienarchivs sind im Oberösterreichischen Landesarchiv in Linz einzusehen. Die alten Schriften weichen vielfach voneinander ab; es kann daher auch bei größter Sorgfalt nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit für Datierungen und andere Aussagen erreicht werden.

Diese Familie zählt sicherlich zu den bedeutendsten und wohlhabendsten Adelsgeschlechtern in Oberösterreich vom späten Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert. Ihre wichtigsten Ansitze sind die Adelssitze Mühlleuthen, Ebenzweier, Puchberg, Würting, Helfenberg und Piberstein.

 

   
   

Wenn wir schon nicht wissen können wohin wir gehen,
sollten wir doch wenigsten wissen woher wir kommen. 

Jeder hofft, dass er berühmte Vorfahren hat, deren Lebenswerk in den Büchern und den Mythen der Menschen weiter lebt. Zu befürchten aber ist, dass die Ahnen arme Schlucker waren, die nur mit Mühe und Not ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten und keinerlei Spuren in der Geschichte hinterlassen haben.

Mein Antrieb ist es, anhand von historischen Quellen die Geschichte der Vorfahren meiner Familie, deren verwandtschaftliche Verflechtungen und deren atemberaubenden Aufstieg näher zu bringen. Aus der Charakterisierung von Einzelpersönlichkeiten lässt sich gleichsam die Signatur der Familie erfassen und sichtbar machen. Die Persönlichkeiten aus der Familie der Grafen von Seeau stehen im Mittelpunkt, doch eröffnet sich daraus ein Zugang zu den historischen Entwicklungslinien.

Es liegt in der Natur einer Sammlung von Persönlichkeitsbiographien, dass Ereignisse aus der Sicht jener reflektiert werden, die an hervorragender Stelle wirkten. Das Einzelschicksal der Pfannhauer und Bergknechte, wie natürlich überhaupt der großen Mehrheit der einfachen Arbeiter im Salzkammergut kann kaum berücksichtigt werden.

Der Schwerpunkt dieser Genealogie liegt selbstverständlich auf dem Wirken der "großen" Vorfahren und Blutsverwandten aus der Dynastie der Grafen von Seeau. Der Familie der Grafen von Seeau gelingt es durch Fleiß und Umsicht, aber vor allem durch ihr, auch für den Kaiser, unverzichtbares Wissen in all jenen Belangen, die mit der Saline und der Gewinnung von Salz zu tun hatten, ins Zentrum der Macht vorzurücken.

Die Grafen von Seeau rücken auf diese Weise in die geschlossene Reihe der Hofkammerräte vor. Das Vermögen der Grafen von Seeau leistet dem Kaiser immer wieder wertvolle Dienste gegen den Sonnenkönig und die Hohe Pforte. Und so kommt es zu Neid und Missgunst unter den alteingesessenen österreichischen Hochadeligen gegenüber den Seeauern. Neben diesen "großen" Gestalten finden sich aber auch diejenigen, die den ihnen gestellten Aufgaben nicht oder nur teilweise gerecht werden können, ein Schicksal, welches auch bedeutende Salzamtmänner trifft, wie man am Schicksal des Ferdinand Friedrich Graf von Seeau sehen kann.

 

   
   
Genealogische Studien zur Herrschaftsbildung  

Die Entwicklung der hervorragenden Stellung der Grafen von Seeau im Salzkammergut setzt bereits lange vor dem 14. Jahrhundert ein und ist Anfang des 18. Jahrhunderts abgeschlossen. Der Familie gelingt es, das erste Amt des Reiches im Salzkammergut zu erringen und ihre Macht in diesem Land unangefochten zu behaupten, das wegen seiner Bedeutung direkt der kaiserlichen Hofkammer untersteht. Als dann die Grafen von Seeau im österreichischen Erbfolgekrieg, als die bayrischen Truppen in Oberösterreich einrücken, sich gegen die „Kaiserin“ Maria Theresia wenden, verlieren sie ihre Ämter im Salzkammergut und werden zum Teil streng bestraft.

Um die Anfänge ihrer Herrschaftsbildung besser zu verstehen, muss man zunächst vom geografischen Raum und dessen wirtschaftlicher Bedeutung für das Reich ausgehen, um damit einen Rahmen für einen mit geschictswissenschaftlichen Methoden erarbeiteten Inhalt zu gewinnen. Das Kerngebiet der Grafen von Seeau ist das Salzkammergut, eine bestimmte eng begrenzte Landschaft, in der Salz, Exportgut und Steuerbringer Nummer eins, im hochkomplexen Bergbau gewonnen und unter extrem schwierigen Bedingungen zu den Umschlagplätzen an den großen Verkehrswegen transportiert wird.

Neben den geografischen Voraussetzungen des Aufstiegs der Familie Seeau müssen die genealogischen Zusammenhänge so exakt wie möglich analysiert werden. Mittelalterliche Rechtsverhältnisse können wegen der engen Wechselbeziehung von Familienverband und Erbengemeinschaft nicht ohne gediegene Kenntnis der Abstammungs- und Verwandtschaftsverhältnisse erfasst werden. Sie sind vor allem im Hochmittelalter, aus dem keine ausreichenden Nachrichten vorhanden sind, hinsichtlich des sozialen Rangs und der rechtlichen Stellung der Grafen von Seeau aufschlussreich, aber auch umstritten. Das unerbittliche Festhalten am Quellbeleg mit dem Mut zur Lücke ist für diesen Zeitabschnitt besonders wichtig.

Die etymologische Herkunft des Namens Grafen von Seeau liegt auf der Hand. Der Familiename ist ein Wohnsitzname, der vom Flurnamen für die Seeau stammt. Gemeint ist der Ort Au (Ortsgemeinde Goisern) am Hallstätter See, den es noch heute gibt, ebenso den dort gelegenen Seeauerhof.

Große Bedeutung für die Anfänge der Grafen von Seeau kommt der Frage nach der genetischen und der (ursprünglichen) geografischen Herkunft und der Heiratspolitik bezogen auf das fränkische Reich zu.

Seit dem frühen 8. Jahrhundert wird überall im Reich, an den ehemals keltischen Salzstätten, in größerem Maße wieder Salz abgebaut. Etwas später beginnt der Salzabbau auch wieder in Hallstatt.

In einer am 6. 6. 1002 von Heinrich II. ausgestellten Nobilitierungurkunde werden ausdrücklich drei Seeauer aufgeführt: Rupert, Otto und Berthold Seeauer. Wenn auch diese Urkunde nicht mehr direkt als „Mittelalterliche Fälschung“ bezeichnet werden kann, sind eben nur mehrere Abschriften aus dem späten 13. Jahrhundert bekannt, denn das Original ist verloren gegangen. Die Echtheit dieser Urkunde ist so gut wie ausgeschlossen. [Ich besitze drei verschiedene, praktisch wortgleiche, Abschriften verschiedener Kopisten in verschiedenen Aufmachungen, davon sind zwei beglaubigt.]

Bedeutungsvoll ist vor allem die Frage, wer wohl im 13. Jahrhundert von so einer Fälschung profitieren sollte, da die Seeauer zu dieser Zeit offensichtlich bereits Träger von Pfannhauslehen am Hallstätter Salzberg und anderer Privilegien waren, die 1311 von Königin Elisabeth bestätigt werden. Wie bei vielen Gewerken auch später noch üblich, ist eine (noch dazu erschwindelte) Nobilitierung weder notwendig noch gewünscht, da die Gewerkenfamilien in dem eng umgrenzten Raum ihres Wirkens sowieso die Anerkennung des Herrscherhauses und der Bevölkerung haben. Allein schon deshalb wird sich der Verdacht einer Rückdatierung der Nobilitierung so kurz vor der Bestätigung des Lehens kaum aufrechterhalten lassen.

Bedeutend ist auch, dass laut Urkunde von 1002 Wiligisus (Kanzler des Kaisers und Erzbischof von Mainz) und Lanzelin (ein früher Habsburger) die Nobilitierung dem Kaiser Heinrich II. vorgetragen haben. Die drei Personen Wiligisus, Lanzelin und Heinrich sind jedenfalls in der Urkunde historisch und funktionell richtig zugeordnet.

Die Anfänge des Hauses Seeau lassen sich im 10. Jahrhundert allenfalls hypothetisch bestimmen. Erst ab 1400 verdichten sich die Urkunden, die die genealogische Vater-Sohn-Abfolge immer besser absichern. Diese Folge der Familie beginnt bei einem Seeauer, der ebenfalls Berthold heißt. Von hier an bietet die seeauische Stammtafel eigentlich keine wirklichen Unklarheiten mehr. Bemerkenswert ist die erstaunlich gradlinige Entwicklung über mehrere Generationen. Die erste Aufspaltung findet nach der Folge Berthold-Heinrich-Nikolaus-Achaz-Peter statt, hier spaltet sich mit Siegmund die bürgerliche Linie der Salzfertiger zu Bad Ischl ab. Die nächste und bedeutendste Aufspaltung des Geschlechts findet eine Generation nach Thomas (ebenfalls ein Sohn von Peter) in die zwei großen Linien statt. Achaz begründet die spätere Linie Würting-Helfenberg und Wolf(gang) die spätere Linie Ebenzweier. In diesen Linien wird die Tradition der kaiserliche Amts- und Lehensträger mit großem Eigenbesitz erfolgreich weiter geführt.

Soweit zu erkennen, werden alle Personen der adeligen Linien der Seeau in der Neuzeit immer gleichzeitig mit Wappenvermehrungen bedacht und gemeinsam in den Adelsstand, dann zu Freiherrn und sodann in den Grafenstand erhoben. Außerdem führen alle Personen des Geschlechts gemeinsam immer das gleiche Wappen, denn auch alle Wappenverbesserungen gelten immer gemeinsam.

 

   
   
Innerösterreich, Österreich ob und unter der Enns und Vorderösterreich  

Meine Vorfahren kommen praktisch alle aus dem deutschsprachigen Teil des Reichs der Habsburger. Das Gebiet aus dem meine Vorfahren kommen, liegt in den heutigen Grenzen Österreichs. Aber auch aus den habsburgischen Gebieten in Süddeutschland, der Schweiz und im Elsass.

Die heutigen Grenzen von Österreich kommen für genealogische Betrachtungen, wenn sie Jahrhunderte zurückgehen sollen, kaum zu tragen. Selbst für den geographisch Versierten sind die Grenzverschiebungen und die territorialen Entwicklungen von Kultur- und Sprachkreisen in den letzten 1000 Jahren wohl nicht ganz einfach überschaubar. Dazu kommt noch, dass zumindest der höhere Adel (wie auch das Herrscherhaus) fremdbürtig ist und seine Ausbreitung azyklisch zu den Einwanderungswellen von Stämmen und Völkern ist.

Genealogische Analysen können sich nicht auf Österreich, Deutschland, Schweiz oder Elsass beschränken, denn in der Genealogie geht es um die Forschung nach deutschsprachigen - mithin ethnisch deutschen - Vorfahren. Dort wo der ehemals deutsche Kulturraum heute durch nicht-deutschsprachige Bevölkerung besiedelt ist, die mit der deutschen Ursprungskultur nichts anfangen konnte, ist Familienforschung vielfach sinnlos geworden. Alleine schon deshalb, weil nach dem zweiten Weltkrieg in diesen Gebieten deutsche Sprachdenkmäler massenhaft vernichtet worden sind.

Wenn man durch die Geschichte streift, fällt es oft schwer, eine Grenze zu ziehen, wonach man denn nun Österreich definieren solle und wonach Deutschland. Bis 1806 war halb Süddeutschland, vorher auch der Elsass und die Nordschweiz, Habsburger Land, und Teile des heutigen Österreich waren bayrisch, wie das Innviertel und Teile von Tirol. Teile Bayerns, Kärntens und Tirols waren Salzburgisch. Der Bodensee-Raum war mit Südbayern, Teilen der Schweiz und Baden und Württemberg Jahrhunderte lang als Vorderösterreich fest im Habsburger Reich integriert.

Ganz zu schweigen von den rein deutschsprachigen Gebieten auf den heutigen Staatsgebieten von Tschechien, der Slowakei, Ungarns, Rumäniens, Polens, der Ukraine und Russlands - darunter sind Schlesien und das Sudetenland nur die bekanntesten.